Es gibt ja keine PR-Dummheit, die nicht irgendwann irgendwer ausprobiert. Diesmal ist es die Hamburger Sparkasse (Haspa), die nach einem NDR-Bericht nun öffentlich zugeben muss, dass sie ihre Kunden per Softwaresystem ‚Sensus’ in die Kategorien „Abenteurer, Hedonisten, Bewahrer“ eingeteilt hat. Zumindest formal funktioniert das Krisenmanagement: Man versichert, die sogenannten „psychologischen Profile“ zu löschen. Fein.
Bleibt nur noch die professionelle Aufarbeitung in der Öffentlichkeit – und da schlagen wir PR-Leute uns dann vor Lachen die Schenkel blau:
„Die Haspa hat ‚Sensus’ genutzt, um die Bedürfnisse ihrer Kunden noch besser zu verstehen“, heißt es in einer Erklärung der Bank. Man bedaure, „dass es in der öffentlichen Wahrnehmung zu Missverständnissen gekommen“ sei. (zitiert nach SPIEGEL Online)
Damit ich das jetzt auch richtig verstanden habe: Die Kunden ärgern sich darüber, dass sie als Abenteurer, Hedonisten und Bewahrer eingestuft werden und die Bank entschuldigt sich nicht für ihr Fehlverhalten, sondern dafür, „dass es in der öffentlichen Wahrnehmung zu Missverständnissen gekommen“ sei.
Reden wir Klartext: Da liegt ein Haufen auf dem Gehweg. Und der Verursacher bedauert nicht den Haufen auf dem Gehweg, sondern dass es in der „nasalen Wahrnehmung der Passanten zu Irritationen kommen könnte“.
Das faszinierende an dem Statement der Hamburger Sparkasse ist, dass Journalisten und Öffentlichkeit es einfach so hinnehmen und unkommentiert weiterverbreiten. Also scheint die Mechanik immer noch zu funktionieren.
Nun weiß ich aus dem eigenen Tagesgeschäft auch, dass z.B. bei einem Callcenter einer Online-Bank jemand als nicht kreditwürdig eingestuft wird, der nur eine Mobilfunknummer angibt (= kein fester Wohnsitz?) und deshalb durchs Raster rasselt, ohne jemals davon zu erfahren, was der wirkliche Grund für den Ausschluss war.
Banken werden ihre Kunden immer einsortieren und scoren. Machen wir uns nix vor. Der eine wird vom Filialleiter beraten – der andere vom Azubi im zweiten Lehrjahr. So läuft das da nun mal.
Vermutlich wird die Haspa nun eine Unternehmensberatung für viel Geld beauftragen, nach Alternativen zu suchen. Das Ergebnis liefere ich hier gerne gratis vorab: Nehmen sie doch Zahlen. Oder Buchstaben. Aber nicht 1, 2, 3. Sondern eine unverfängliche Kombination: 1 (= Abenteurer), A (= Hedonisten), Alpha (= Bewahrer).
So ist jeder Kunde ein 1er-Kunde, ein A-Kunde oder ein Alpha-Kunde.
Und es ist nicht mehr so schlagzeilenfähig, wenn es dann doch mal auffliegt.
Hier zwei historische Vergleiche nach dem selben Prinzip:
Wolfgang Clement, 7.8.2008:
“Wenn Parteifreunde vor Ort das Gefühl haben, ich hätte sie im Stich gelassen und ihnen deshalb mit meinem Kommentar geschadet, dann bedaure ich das.
Cem Özdemir, 26.7.2002: ”
So sehe ich mich seit gestern Nachmittag mit dem Vorwurf konfrontiert, dass ich unberechtigterweise dienstlich erworbene Bonusmeilen für private Flüge verwendet habe. Diesen Vorwurf kann ich nicht entkräften.”