Geistige Windstille im Orkan

Der Sturm in NRW treibt seine journalistischen (Stil)Blüten. Natürlich kann man die Texte über umgestürzte Bäume, zerstörte PKW und abgedeckte Dächer zwischen Köln, Düsseldorf und Essen 1 zu 1 austauschen. Aber was die Kollegen von der WAZ als journalistischen Erstbericht fürs Internet verbrochen haben, zieht jedem Journalismus-Praktikanten die Schuhe aus. Kostpröbchen gefällig aus dem Artikel “Mehrere Verletzte nach Evakuierung des Pfingst-Openairs”, WAZ-Online vom Abend des 9. Juni? Na, dann mal los:

Auch Menschen, die schon lange in Essen leben, sagen: “Ein solch schweres Unwetter hat die Stadt noch nicht gesehen”

Da mangelt es wohl an soliden Fakten von der Pressestelle der Feuerwehr. Fragen wir doch Menschen, die schon lange in Essen leben. Haben da etwa die Kollegen schön aus dem Trockenen recherchiert, statt mal vor die Tür zu gehen? Vermutlich, denn da war wirklich alles total schlimm:

Schwere Gewitter und starker Regen, “der auf der Haut weh tat”, so ein Festival-Besucher, machten eine Evakuierung (…) notwendig.

Da haben wir nach den unsinnigen “gefühlten Temperaturen” aufgemotzter Wetterberichte nun endlich auch einen Augen- bzw. “Gefühls-Zeugen” der uns bestätigen kann, dass der Regen auf der Haut weh tat. Echt schlimm!

Aber wenn die Journalisten es schon nicht tun – die Leser arbeiten wenigstens mit. Bürgerjournalismus pur:

[Der] “Stadtwald ist halb gerodet, die Heisinger Straße von Bäumen übersät”, so ein Leser. Ein anderer: “Die Ruhrallee in Höhe Lionweg ist ein Schlachtfeld.” Und einer aus dem Norden scherzte nur halb: “Altenessen braucht Boote.”

Oh. Er scherzte nur halb. Da wird die Lage im fröhlichen Essen aber nun wirklich ernst. Der Essener verliert bereits 50 Prozent seines Humors. Auch sprachlich. Journalistisch ist da eh schon der Katastrophenfall eingetreten. Aber der Draht der WAZ-Journalisten zu den Einsatzkräften reißt auch im Sturm nicht ab. Es lebe die Exklusiv-Information:

“”Wenn Sie uns helfen wollen, ziehen Sie leichteres Geäst von der Straße”, bat die Feuerwehr auf Facebook”

Na, wenigstens haben Sie in der Redaktion schon einen Facebook-Account. Da bekommt man wirklich noch etwas mit von der Außenwelt.

Wären die 4 (!!) Autorinnen und Autoren des WAZ-Artikels mal da gewesen, dann hätten sie beim Pfingst-Openair auch mitbekommen:

- Wie die Lage bei den Verletzten in der “Patientenablage” war,
- mit welcher (vorbildlichen!) Einstellung die Rettungskräfte bei der Arbeit waren
- wie gut in Essen-Werden die Auffangstation an der S-Bahn funktioniert hat
- wie Menschen zusammengehalten haben
- wie Gaffer sich lieber vor zerstörten Autos und Bäumen fotografierten, statt mal mit anzupacken
- wie andere wiederum sehr wohl gemeinsam anpackten
- wie plötzlich Gerüchte über zahlreiche Tote die Runde machten
- wie Eltern ihre Kinder suchten

und noch viel mehr.

Journalismus findet zunächst einmal auf der Straße statt. Und ins Internet kommt das dann HINTERHER. Das Internet ersetzt keine journalistische Recherche!
Journalistisches Handwerk ist Kopfarbeit, liebe Kollegen. Geht raus! Sonst erreicht ihr Eure Leser nicht mehr.

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