Gabriel: Konkret im Konjunktiv

Im Interview darf die Politik Dinge tun, von denen deutsche Konzerne die Finger lassen sollten: Bei unfertiger Faktenlage Spekulationen verbreiten und diese in einem Atemzug kommentieren.Einer, der diese Technik gut und gerne anwendet ist Vize-Kanzler und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel.

Moderator Reinald Becker streifte im ARD „Bericht aus Berlin“ erst gegen Ende der Sendung die NSA/BND-Affäre rund um EADS und Eurocopter. Im gefälligen Plauderton antwortete Sigmar Gabriel:

Das Thema wird eine große Rolle spielen, denke ich. Insbesondere auch weil – wenn die Vorwürfe, die man jetzt liest, dass die USA quasi jetzt den BND eingespannt haben, auch um Wirtschaftsspionage zu machen – wenn sich das als wahr herausstellen sollte, wäre es eine völlig neue Qualität. Offensichtlich ist es so, dass der BND da sein Eigenleben führt und das muss man beenden.“

 Sowie im direkten Anschluss:

 „Ich bin in den letzten Jahren vorsichtig geworden, aufgrund von Presseberichten Vorwürfe zu erheben, da kann man schnell merken manchmal, dass es nicht stimmt. Trotzdem muss es eine Aufklärung geben, nicht nur im Ausschuss, sondern auch in der Öffentlichkeit, weil was da passiert ist, ist schon skandalös.

[unredigierte Abschriften aus dem Original-Interview. Hier geht es direkt zur richtigen Stelle: KLICK ]

„…Vorwürfe, die man jetzt liest.“ – Das ist ein cleverer Einstieg in seine Interview-Antwort. Gabriel geht hier auf Abstand zu den Fakten und aus sprachlicher Entfernung bekleckert er sich nicht die Weste. Gabriel begibt sich auf die Informationsebene deutscher Normalbürger, die ihre Informationen aus Sekundärquellen beziehen müssen. Damit entfernt er sich durch seine Wortwahl sprachlich vom Zentrum der Macht. Oder wird der Vize-Kanzler der Bundesrepublik über derartige Vorfälle etwa nicht genauso exakt informiert, wie die Kanzlerin selbst?

„Wenn sich das als wahr herausstellen sollte, wäre es eine völlig neue Qualität“.

Mit einer solchen Vorverurteilung während eines laufenden Verfahrens, wäre jeder Kommunikationsvorstand eines Dax-Konzerns sofort freizustellen. Man stelle sich vor, der Geschäftspartner oder Mutterkonzern wären Gegenstand erster Negativ-Meldungen in den Medien und ein Informations-Vorstand tritt vor die Presse mit einer derartigen Aussage vor die Presse: „Wenn es sich als wahr herausstellen sollte, dass die Konzernmutter ein illegales Steuersparmodell über Jahre genutzt hat, dann wären wir aber zutiefst enttäuscht“. Das ist beste mediale Vorverurteilung.

In der Politik ergibt ein solches Verhalten aber durchaus Sinn, denn die Konzernmutter (hier: Kanzlerin) ist zugleich auch Wettbewerber. Eine große Koalition ist schließlich nicht eine „Fusion unter Gleichen“.

„Ich bin in den letzten Jahren vorsichtig geworden, aufgrund von Presseberichten Vorwürfe zu erheben, da kann man schnell merken manchmal, dass es nicht stimmt.

 Er sichert sich ab, indem er Altbekanntes für seine Zuschauer aufwärmt. Er holt sich ihre unbewusste Zustimmung ab und hat doch gerade wenige Sekunden vorher genau das Gegenteil von dem getan, was er hier sagt. Würde Gabriel jetzt von der Natur „Atemluft für Lebewesen“ fordern, wäre diese Forderung genau so originell und einzigartig wie sein nächster Satz:

 „Trotzdem muss es eine Aufklärung geben, nicht nur im Ausschuss, sondern auch in der Öffentlichkeit“

 Wie er eingangs schon bemerkt hatte ist die Öffentlichkeit Dank der Medien an diesem Thema bereits dran („Vorwürfe, die man jetzt liest“).

 „Was da passiert ist, ist schon skandalös“

Hier nimmt er sich das Recht heraus, einen Missstand bereits als Skandal zu bewerten. Die Erfahrung mit ähnlichen Ereignissen der Geheimdienste aus der Vergangenheit lässt den Schluss zu, dass er damit richtig liegen wird.

Der Begriff „Skandal“ ist stets nur die Wertung eines kritisierten Missstandes. Hier definiert Gabriel anstelle der Medien den Missstand schon einmal vor. Man wird ihm Recht geben (müssen).

Richtet man den Fokus auf die Ziele, die Gabriel mit  derartigen Antworten verfolgt, hat der Wirtschaftsminister seinen Job gut gemacht.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Zitate & Kritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.